Spannungsrisse (Crazing)
Definition
Spannungsrisse (in der Fachwelt oft als „Crazing“ bezeichnet) sind feine Rissbildungen an der Oberfläche oder im Inneren von Kunststoffen wie PMMA (Acrylglas). Sie entstehen durch ein komplexes Zusammenspiel von mechanischen Zugspannungen oder internen Materialspannungen und äußeren chemischen Einflüssen.
Treffen beispielsweise ungeeignete Reinigungsmittel oder aggressive Klebstoffe auf ein unter Spannung stehendes Werkstück, wird das molekulare Netzwerk des Acrylglases lokal geschwächt. Diese Risse beeinträchtigen nicht nur massiv die Optik und Transparenz, sondern mindern auch die statische Belastbarkeit des Materials erheblich, was bis zum Totalausfall des Bauteils führen kann.
Eigenschaften
Spannungsrisse zeichnen sich durch spezifische optische und physikalische Merkmale aus. Da sie oft erst zeitverzögert auftreten, stellen sie eine besondere Herausforderung in der Qualitätssicherung dar:
- Erscheinungsbild: Die Risse zeigen sich häufig als feines, silbrig glänzendes Netz aus Haarrissen (auch „Silvering“ genannt), welche das Licht brechen und das Material an diesen Stellen trüb erscheinen lassen.
- Tiefe: Während Crazes oft mikroskopisch klein an der Oberfläche beginnen, können sie bei anhaltender Spannung tief in das Materialgefüge wandern und die strukturelle Integrität zerstören.
- Verzögerungseffekt: Ein tückisches Merkmal ist die Latenzzeit. Spannungsrisse treten oft nicht unmittelbar nach der Bearbeitung auf, sondern erst Stunden, Tage oder sogar Monate später.
- Lokalisation: Gefahrenstellen sind vor allem lasergeschnittene Kanten, Bohrlöcher oder Bereiche, an denen Schrauben zu fest angezogen wurden (mechanische Punktlast).
Vermeidungsstrategien
In der professionellen Kunststoffverarbeitung ist die konsequente Vermeidung von Spannungsrissen ein wesentliches Qualitätsmerkmal. Durch gezielte Nachbehandlung und richtige Materialhandhabung lässt sich das Risiko nahezu ausschließen:
- Richtiges Reinigen: Es sollten ausschließlich alkoholfreie Reiniger oder spezielle Antistatik-Kunststoffreiniger verwendet werden, um die chemische Belastung der Oberfläche zu minimieren.
- Tempern: Nach thermischen Verfahren wie dem Laserschneiden ist das Tempern (Wärmebehandlung im Ofen) die effektivste Methode, um interne Spannungen kontrolliert abzubauen.
- Spannungsfreie Montage: Bei Verschraubungen sind gummierte Unterlegscheiben und ausreichend groß dimensionierte Bohrlöcher Pflicht, um der thermischen Ausdehnung des Materials Raum zu geben.
- Wahl des Klebstoffs: Der Einsatz von polymerisierenden Klebstoffen (z. B. auf PMMA-Basis) sorgt für eine chemische Verschweißung, die stabiler ist als eine rein oberflächliche Anlösung.
